Dreams on a Plate

VON WAHREN HELDEN UND DEM ERFINDER DES BRUNELLO DI MONTALCINO

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In Zeiten in denen sich alles immer schneller zu verändern scheint, sehnt man sich manchmal doch nach etwas, das Bestand hat. Nein ich bin keiner von diesen "früher war alles besser"-Typen, im Gegenteil. Schließlich verdiene ich mein Geld damit, die Welt zu verändern, wenn auch nur im Kleinen. Aber es gibt eben auch Dinge, die sind gut, so wie sie sind und egal wieviel Zeit vergeht, gibt es keinen Grund daran etwas zu ändern.

Das gilt zum Beispiel für die traditionsreiche Kellerei Il Greppo im toskanischen Montalcino, wo Ferruccio Biondi Santi den berühmten Brunello di Montalcino erfand, indem er einen speziellen Klon der Sangiovese Traube züchtete. Im Jahre 1888 wohlgemerkt.

Heute gibt es über 250 Betriebe, die den streng reglementierten "Brunello di Montalcino" anbauen. Viele davon bemühen sich um einen moderneren Ausbau, um schneller trinkreife Weine auf den Markt zu bringen. Nicht so bei Biondi Santi. In der vierten Generation produziert der Familienbetrieb die toskanische Legende noch immer so wie vor 250 Jahren. Das Ergebnis sind Weine, die viel Zeit brauchen, sich aber dann zu wahren Legenden entwickeln.

L'Eroica

Neben meiner Leidenschaft für guten Wein gibt es aber noch eine zweite Legende, die mich eng mit der Toskana verbindet. Ca. 1.000km südlich von hier liegt eines dieser toskanischen Bergdörfer, in denen tatsächlich die Zeit stehen geblieben zu sein scheint: Gaiole in Chianti. Ein ganz entspanntes Örtchen mit tollen alten Gebäuden aus Bruchstein, in dem ausser drei Bars und einem kleinen Supermarkt eigentlich nicht viel los ist. Doch einmal im Jahr, am ersten Wochenende im Oktober bricht hier ein höllisches Spektakel los. Die "Eroica" - die "Heldenhafte", ein historisches Radrennen durch die toskanischen Weinberge. "Das klingt doch ganz entspannt, was soll daran heldenhaft sein?" möchte man fragen. Aber die Eroica, die dieses Jahr zum 10. Mal statt findet, hat nicht ohne Grund internationalen Kultstatus. Aus allen Ländern der Welt reisen 7.000 Radsportbegeisterte mit ihren rostigen Schesen an und mindestens genau so viele bleiben traurig zuhause, weil sie bei der Verlosung der Startnummern kein Glück hatten.

L'Eroica

Ich hatte Glück und konnte zusammen mit vier meiner engsten Freunde zum vierten mal in Folge an diesem Spektakel teilnehmen. Im Gepäck eine hellgrüne Pinarello SLX Baujahr 1983 und ein ordentliches Weinglas.

Die Krux der Eroica liegt im Bodenbelag - die "Strada Bianca" - die schmalen Feldwege aus hellbraunem, fast weißem Schotter die die toskanische Landschaft durchziehen wie feine Adern. Sie sind auch der Grund, warum es die Eroica gibt. Vor genau 10 Jahren saßen ein paar italienische Männer in Gaiole in einer Bar und unterhielten sich über Fortschritt, Veränderung und Beständigkeit und weil im Zuge des Fortschritts immer mehr Strecken der Strada Bianca zubetoniert wurden - wegen des Staubs und den unbequemen Fahreigenschaften - beschloss man, die alten Bikes aus dem Keller zu holen, die von Motten zerfressenen Wolltrikots überzustreifen und ein Zeichen zu setzen. Zur Rettung der Strada Bianca.

L'Eroica

Heute, Zehn Jahre später, gibt es sie noch die Strada Bianca und die Eroica entwickelte sich zu einem viertägiges Spektakel von Weltruhm. Jedem Teilnehmer bleibt selbst überlassen, wie weit er die Zeit zurück drehen möchte, solange es vor 1984 ist. So alt muss das Fahrrad mindestens sein, um Teilnehmen zu können. Und so finden sich schnurrbärtige Männer in viktorianischen Klamotten auf Hochräder des vorletzten Jahrhunderts ebenso dort ein, wie fast neuwertig wirkende italienische Stahlrenner mit den feinsten jemals hergestellten Campagnolo Super Record Komponenten aus den 1980er Jahren.

L'Eroica

Es ist Sonntag. Der große Tag des Rennens. 5:00h morgens. Der Wecker klingelt. Wach war ich schon vorher. Gefühlt habe ich gar nicht geschlafen. Der Kaffee geht gut rein, mit fester Nahrung ist das schon schwieriger, aber ich werden die Kohlenhydrate brauchen. Ich weiß genau was auf mich zukommt. Vor mir liegen 14h körperliche und emotionale Grenzerfahrung. Es ist noch dunkel, dieses Jahr garnicht so kalt wie erwartet und zum Glück regnet es nicht. Wir mischen uns im Startkanal unter die anderen Mitstreiter und arbeiten uns langsam Schrittweise vor zur technischen Kontrolle. Links von mir steht Erik Zabel und scherzt mit seinen Teamkollegen. In Bruchteilen einer Sekunde kontrollieren vier alte Herren jedes einzelne Bike auf die im Reglement vorgeschriebenen Eigenschaften. Außen verlegte Bremszüge, Rahmenschalthebel ohne Indexierung, Pedale mit Körbchen und Riemchen - hab ich alles zu bieten nur Speichen habe ich eigentlich vier zu wenig. Aber niemand kann so schnell 36 Speichen nachzählen. Zum Glück.

Es geht los. Glücklicherweise geht es erst mal bergab. Es ist leise. Man hört nur den Wind und das rasseln der Freiläufe. Was für ein Gefühl. Genau dafür sind wir hier. Die Tränen in den Augen könnten auch vom Fahrtwind sein, sind sie aber nicht. Aus Erfahrung weiß ich, dass wir noch bitter dafür bezahlen werden, aber jetzt grade ist ein Moment, an dem man die Zeit anhalten möchte.

L'Eroica

Nach einiger Zeit biegen wir ab nach Brolio. Es geht bergauf. Moderat zum Glück und auf Teer. Läuft ganz gut - "pedabile" wie der Italiener sagt. Oben in Brolio genehmigen wir uns erst mal einen Espresso im Cafe del Eroica.

Die Pause tut gut, denn direkt hinter Brolio beginnt die Strada Bianca. Die Strecke sieht magisch aus. Es ist leicht nebelig und am Wegesrand stehen kleine Fackeln. Harry Potter hätte seine reinste Freude hier. Die ersten Mitstreiter steigen ab und schieben. Schieben ist keine Schande auf der Eroica - ich werden später auch noch schieben, aber nicht jetzt, dieses Stück werden ich fahren. Um jeden Preis.

Die hellgrüne Pinarello SLX unter mir schnurrt wie ein Kätzchen, als wäre es 1983. Wäre doch nur mein Körper auch noch so wie 1983, dann wäre das hier alles viel einfacher. Im gleichen Moment in dem ich das denke, werden ich von einem 8o-jährigen überholt. Autsch. Von diesen super-fiten Greisen gibt es viele hier. Irgend wann gewöhnt man sich daran.

L'Eroica

Es bleibt anstrengend. Nur ein Bruchteil der Kraft, die ich auf das Pedal gebe, wird in Vortrieb umgewandelt. Das meiste nimmt sich der Schotter unter mir, der mit martialischem knirschen kleine Steine ins Rollen bringt, anstatt meinen Reifen Grip zu geben.

Endlich erreichen wir die erste Verpflegungsstation. Ein volksfestähnliches Treiben mit netten Menschen in alten Klamotten, die den Eindruck machen, als hätten sie sich das ganze Jahr schon darauf gefreut, an erschöpfte Radfahrer Chianti in Plastikbechern auszuschenken. Es gibt frische Trauben, Marmeladebrot, Salami und Schinken im Überfluss. Kööstlich.

L'Eroica

Nach einer kurzen Pause geht es weiter Richtung Süden. Die Landschaft ist atemberaubend schön, die Wolken am Himmel sorgen für ein malerisches Lichtspiel und bewahren uns vor dem Hitzetod. Die Euphorie hält sich über Stunden, trotz der Schmerzen in den Oberschenkeln und dem feinen weißen Staub zwischen den Zähnen. Jetzt bloß nicht den Abzweig verpassen. Gerade aus geht's nach Montalcino und links geht's nach Hause.

Wir fahren links. Die Strecke über Montalcino ist nicht zu schaffen. Selbst wenn nicht der größte Teil der Strecke auf Schotter wäre und Montalcino nicht auf einem 600m hohen Berg liegen würde, wäre der PERCORSO LUNGO mit 209km einfach zu lang. Wir geben uns mit etwas weniger zufrieden und biegen links ab Richtung Gaiole.

Montalcino hole ich nach, denke ich mir im Geheimen. Zuhause, im Glas. Denn zum Glück kann man das Beste, was Montalcino zu bieten hat, in Flaschen kaufen. Was für ein Glück.
Ab jetzt geht es fast nur noch bergab, bis wir im Licht der letzten Sonnenstrahlen des Tages die Zieleinfahrt in Gaiole erreichen. Wieder mit Tränen in den Augen, völlig erschöpft aber glücklich. Wenn das der Preis ist - wenn man sich 14 Stunden auf italienischem Schotter abrackern muss, um dieses Gefühl zu haben, das ich gerade habe, dann war es das wert. So fühlt sich Held-sein an.

Inzwischen bin ich wieder zuhause. Das Heldentum ist abgeklungen, die Pinarello steht von weißem Toskana-Staub bedeckt im Keller und ich schwelge in Erinnerungen. Da trifft es sich gut, das der Italien-Wein-Spezialist dall-italia.de mir eine Flasche Brunello Biondi Santi hat zukommen lassen. Nicht irgend einen, sondern einen 2010er. Einen der wenigen ausgewiesenen Jahrhundertjahrgänge, die mit von Künstlerhand bemalten Kacheln am Rathaus von Montalcino angeschlagen werden. Wer hätte das gedacht, dass der Moment schon so bald kommen würde, an dem ich meine Montalcino-Reise nachholen kann. Im Geheimen. Zuhause, im Glas.

Brunello Biondi Santi 2010

Eigentlich bin ich für den Jahrgang 2010 noch 10 Jahre zu früh dran. Direkt nach dem Öffnen gibt der Wein sich erwartungsgemäß ziemlich zugeknöpft. Aber mit etwas Trickserei kann ich dem Wein das abringen, was man sonst nur mit Viel Geduld und Zeit erreichen kann. Doppeltes dekantieren und gut 3h Zeit zum Atmen bringen den Wein dann doch dazu, sich langsam zu öffnen.

Im Glas wirkt der Wein fast ein bisschen dünnflüssig. Er hat nicht die visuelle schwere die man sonst vom Brunello kennt, doch der Schein trügt. Riecht man das erste mal am Glas, ist wieder klargestellt, in welcher Liga hier gespielt wird.

Es riecht nach feuchter Erde, und Walderdbeeren. Dazu gesellen sich dezente florale Noten, Wildkirsche, ein Hauch von nassem Gras und wilden Kräutern - wie eine Lichtung mit Morgentau im Wald. Ich bin begeistert! Der Geschmack knüpft direkt daran an - wunderbar modrige Unterholztöne, neues Leder, schwarzer Tee, Fenchel. Reife aber sehr präsente Frucht. Die Tannine noch etwas vordergründig - was zum kauen, wie man so schön sagt. Die Säurebalance auch nicht ganz perfekt aber ich denke das wird noch.

Und so kam es auch. Mit jedem Schluck entdecke ich neue Aromen. Kein Schluck ist wie der andere. Der Wein erzählt eine spannende Geschichte, die über zwei Stunden keine Langeweile aufkommen lässt. Die Tannine sind inzwischen zart wie Seide, die Säure fein integriert. Erstaunlich wie der Wein sich von Minute zu Minute entwickelt. Jeder Schluck bringt neue Nuancen hervor und endet in einem lang anhaltenden Finish.

Fazit

Ein Wein voller Raffinesse, komplex, kraftvoll und majestätisch. Biondi Santi hat alles richtig gemacht, der Tradition treu zu bleiben. Wer Geduld hat, lässt ihn besser noch bis 2030 liegen. Hätte ich eine zweite Flasche - ich würde es tun. Aber mit viel Luft ist er auch jetzt schon ein spektakulärer Brunello.

Il Greppo Biondi Santi
BRUNELLO DI MONTALCINO DOCG, 2010
Toskana, Italien
€ 109,- z.B. bei dall-italia.de

Vielen Dank an dall-italia.de, die mir diesen Wein kostenlos zur Verfügung gestellt haben.

ZWEI KALIFORNISCHE ÜBERRASCHUNGEN

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Wein-Enthusiasmus ist manchmal Segen und Fluch zugleich. Segen für den Gaumen und Fluch für’s Portemonnaie. Gute Weine kosten gutes Geld. Das klingt erst mal fair hat aber letztlich zur Folge, dass mit steigender Erfahrung auch der Anspruch steigt, man von “billigen” Weinen zunehmend gelangweilt ist und sich letztlich in gehobene Preislagen “hoch trinkt”.

Auch wenn es im Moment des Genusses gefühlt jeden Cent wert ist, geht das doch schnell ins Geld. Wenn man wie ich gute 20 Jahre Weinerfahrung hat und dazu noch das Glück, gelegentlich zu spektakulär teuren Raritäten eingeladen zu werden, ist es nicht leicht, einen Wein unter 15 EUR zu finden, der nicht irgendwie langweilig oder zumindest gefällig ist.

Schwierig wird’s besonders dann, wenn man eine Party gibt. Da gesellen sich Freunde, die ähnlichen Anspruch an’s Weintrinken haben unter andere Freunde, die einfach nur schrecklichen Durst haben. Blöde Zwickmühle. Rechnet man eine Flasche pro Kopf, kann das ganz schön ins Geld gehen. Es sei denn, man findet eine dieser äußerst seltenen Preis-Leistungs-Perlen.

Carnivore

Zwei von diesen Perlen sind mir durch einen glücklichen Zufall zugeflogen. Beide stammen aus Kalifornien. Der erste nennt sich “Carnivor”. Der Name ist schon mal ein Statment. Carnivor ist lateinisch und bedeutet genau das Gegenteil von “Vegetarier” nämlich “Fleischfresser”. Mit freundlichen Grüßen vom oberen Ende der Nahrungskette. Das alleine gefällt mir schon mal gut. Klingt irgendwie nach Männergrillen. Nur Fleisch, kein Salat. Etwas martialisch vielleicht aber nicht ohne Grund. Dieser Wein ist keiner, der irgendwelche Fragen offen lässt.

Dunkelrot steht er im Glas, undurchsichtig, in der Mitte fast schwarz. Die Nase offenbart ohne Umschweife direkt eine regelrechte Fruchtexplosion. Reife Brombeeren, Schwarzkirsche und alles was der Wald sonst noch an dunkler Beerenfrucht zu bieten hat. Im Mund dann caramellig weich, Espresso, Schokolade, Leder und feine Röstaromen. Dazu bombastische Frucht, fast ein bisschen zu süß, aber eben nur fast. Entweder einfach ein bisschen kühler servieren (16°), dann tritt die Süße automatisch in den Hintergrund - oder mit süßen Speisen kombinieren - Chutneys, BBQ-Sauce oder raffiniert marinierte Spare-Ribs - alles süße Leckereien, die dann auch ein bisschen mehr Fruchtsüße im Wein vertragen können. Alles in allem ein toller Grill-Wein -mächtig zwar aber perfekt zu mächtigem Essen.

Carnivor 2012 Lodi-Delta, Kalifornien, USA
Cabernet Sauvignon, Petite Syrah, Merlot
€ 9,99

Dark Horse

Der zweite im Bunde nennt sich Dark Horse - etwas feiner, etwas weniger vordergründig, aber ebenso kraftvoll. Der Name Dark Horse passt zum Konzept der Ausnahmewinzerin Beth Liston, eigensinnig unangepasst und experimentierfreudig. Sie liebt rock'n Roll, 50er-Jahre-Klamotten und restauriert in ihrer Freizeit Oldtimer. Eine Frau, die ihren Instinkten folgt. Trotz ihrer historischen Vorlieben kommt der Wein, den sie macht, ausgesprochen modern daher.

Besonders raffiniert und ausgesprochen gelungen finde ich das Dark Horse Logo. Mein Designer-Herz schlug dirket höher als ich - zugegeben erst beim dritten Hinsehen die versteckte Botschaft darin erkannt habe. Formsprache at it’s best.

Aber auch der Wein selbst spricht für sich. Eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Petite Syrah und Zinfandel. Der Zinfandel bringt dem Wein die würzigen Komponenten wie Nelke und schwarzer Pfeffer. Der Petite Syrah trägt in der Regel wenig zum Geschmack bei, er ist eher für die Farbe verantwortlich. Der Cabernet Sauvignon spielt zweifelsohne die Hauptrolle und sogt für einen vollen Körper. Eine für Kalifornien typische Kombination, aber raffiniert ausgewogen in Szene gesetzt.

Im Glas Purpurfarben mit Lila Reflexen, ölige Konsistenz. In der Nase Pflaume, Vanille, dezentes Eichenholz. Am Gaumen wieder Pflaume, schwarze Johannisbeere, Kakao, Nelken, schwarzer Pfeffer. Feine, gut eingebundene Tannine.

Ein reinrassiger Kalifornischer “Cab-Sav”. Kein Wein mit spektakulärer Raffinesse aber ausgewogen und stimmig. Ein Wein, der sich trotz des niedrigen Preises für nichts schämen muss. Viele Weine, die das Doppelte kosten können weniger.

Dark Horse 2013 Sacramento Valley, Kalifornien, USA
Cabernet Sauvignon, Petite Syrah, Zinfandel
€ 6,99

Die Weine wurden mir von Gourmet Connection zur Verfügung gestellt.

E. GUIGAL - COTE ROTIE LA TURQUE 1999

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Die Côte-Rôtie ist ein kleines Weinbaugebiet am nördlichen Ende der Rhône-Region. Auf deutsch übersetzt bedeutet Côte-Rôtie soviel wie “gebratene Hänge” womit klar wäre, was hier im Sommer wettertechnisch los ist.

Glücklicherweise herrscht in der Gegend ein günstiges Mikroklima, das durch einen lokal auftretenden kühlen Nordwind die Reben vor dem Hitzetod schützt. Im Ergebnis entstehen hier sehr kraftvolle und vielschichtige Weine von besonderer Qualität. Diese bestehen stets zum größten Teil aus Syrah, dem eine kleine Menge der weißen Rebsorte “Viognier” beigemischt wird. Diese soll den von Natur aus hohen Tannin-Gehalt des syrah etwas geschmeidiger machen.

Jetzt sollen aber Fachleuten zufolge ausgerechnet die Guigal-Weine gar keine typischen Côte-Rôties sein. Guigal verwendet für seine Weine nur extrem reife Trauben und lässt sie bis zu vier Jahre im Barrique reifen.

Ob das gut oder schlecht ist, darüber streiten sich Experten und Liebhaber gleichermaßen. Kritiker vermissen in den kraftvollen und fruchtbetonten Guigal-Weinen die delikate Eleganz der klassischen Côte-Rôties. Weinpapst Robert Parker hingegen gibt dem 1999er La Turque 100 von 100 Punkten - eine seltene Auszeichnung für absolute Perfektion und ein garant für exorbitante Flaschen-Preise.

Ich selbst kann jedenfalls beim La Turque kein Mangel an Raffinesse feststellen. Ganz im Gegenteil: Tiefdunkles Purpurrot. Wahnsinnig verführerisches Bouquet, intensiv duftend nach schwarzen Johannisbeeren, Kakao, Röstaromen, mit einer leichten Vanille-Note. Am Gaumen konzentrierte Frucht, rein, dicht, saftig, wunderbar feine Tannine. Perfekt ausbalanciert, langer und intensiver Nachhall der an feuchten Waldboden erinnert. Durch und durch ein sensationeller Wein und ein krönender Abschluss für unseren Weinabend der superlativen.

E. Guigal Côte-Rôtie La Turque 1999
Rhone, Frankreich
ca. € 550,-

CHATEAU CHEVAL BLANC 1ER GRAND CRU CLASSÉ 1964

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Würde man Wein-Enthusiasten befragen, für welchen Wein sie bereit währen, sich den keinen Finger abhacken zu lassen, würden wahrscheinlich acht von zehn ohne zu zögern “Chateau Cheval Blanc 1947” sagen. Er gilt als “der Wein” aller Zeiten - das größte, was jemals in Flaschen abgefüllt worden ist. Bei dem Alter entsprechend rar und wenn man überhaupt jemanden findet, der bereit ist einen her zu geben, müsste man einen wahnwitzigen Preis dafür hinlegen müssen.

2010 wurde bei Christie’s in der Schweiz die Rekordsumme von € 224.000,- für eine Flasche des 1947er Jahrgangs erzielt. Man muss aber dazu sagen, das es sich dabei um eine Impérial-Flasche handelt - die einzige bekannte Sechs-Liter-Flasche dieses Jahrgangs. Aber auch wenn man den Preis auf die Menge einer normalen 0,7l Flasche runter rechnet, liegt man immer noch beim Gegenwert eines Kleinwagens.

Noch eine kleine Anekdote: Im Animationsfilm “Ratatouille” ordert der bösartige Gourmetkritiker Anton Ego in Linguinis Restaurant einen Château Cheval Blanc 1947. - Witzig, das der kleine Linguini ganz selbstverständlich so etwas im Keller liegen hat. Die Jungs von Pixar haben echt Humor!

Wir hatten es eine Nummer kleiner, aber nicht minder spektakulär. Unser Wein Nr. 5 auf der Liste der Superlativen war ein Chateau Cheval Blanc 1964. Mit über 50 Jahren auf der Uhr auch schon ziemlich alt und auch nicht irgendein Jahrgang, sondern ebenfalls ein Ausnahmejahrgang von herausragender Qualität. Ich erstarre vor Ehrfurcht und bin zugleich ganz hibbelig vor Aufregung. Mir wird klar, dass hier gerade etwas absolut einzigartiges von Statten geht, das einem bestenfalls einmal im Leben widerfährt. Und in ca. einer Stunde ist alles vorbei. Also schön aufmerksam sein, nicht verkrampfen, den Augenblick genießen. Genau jetzt freue ich mich nochmal extra, dass Barry mich zu diesem spektakulären Abend eingeladen hat und dass der äußerst wackelige Termin tatsächlich zustande gekommen ist.

Jetzt steht er vor mir, der Chateau Cheval Blanc 1er Grand Cru Classé 1964. Tief dunkelrote, fast schwarze Farbe, intensive Nase nach dunklen Früchten, Tabak und geräuchertem Schinken, Kirschmarmelade und nassem Holz. Extrem vielschichtige, komplexe Aromen. Sehr harmonisch im Geschmack, Zedernholz, Gewürze, wieder Kirschmarmelade und Bitterschokolade. Reife, seidige Tannine sehr elegant und ausgewogen. Nicht Superlang im Abgang aber sehr intensiv.

Ein großartiges und unvergessliches Erlebnis. Ein Wein, tiefgründig und inspirierend wie ein Gespräch mit einem weisen alten Mann.

Chateau Cheval Blanc 1er Grand Cru Classé 1964
Saint-Emilion, Frankreich
Preis: Unbezahlbar

TENUTA DELL'ORNELLAIA BOLGHERI ROSSO SUPERIORE DOC 2008

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Wein Nr. 4 an diesem Abend und der erste rote stammt aus der Toskana. Der Ornellaia Bolgheri Rosso Superiore DOC 2008 ist ein sogenannter Bordeaux-Style-Cuvée - also in der Zusammensetzung dem klassischen Franzosen nachempfunden. Weil er damit so ziemlich gegen alle italienischen Weinbauregeln verstößt, ist er formal betrachtet nur ein einfacher Vino di Tavola, also ein Tafelwein. Allerdings wirklich nur auf dem Papier, denn in Sachen Qualität und auch beim Preis ist er genau am anderen Ende der Fahnenstange anzusiedeln.

Der 1998er Jahrgang diese Weines wurde vom Wine Spectator zum “besten Wein der Welt” gekürt. Traditionelle Werte hin oder her - das ist schon mal eine Hausnummer.

Wir hatte nun den 2008er vor uns. Wie in jedem Jahr in der klassischen Zusammensetzung aus Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot, die Mengenverhältnisse variiert der Kellermeister aber von Jahrgang zu Jahrgang um jeweils das optimale Ergebnis zu erzielen. Beim 2008er Jahrgang ist der Merlot-Anteil mit 27% etwas größer als sonst. Dieser Trick soll den Tanninen etwas mehr Charme verleihen, die aufgrund des vergleichsweise kühlen Sommers sonst etwas ruppig wären.

Schon bei der Weinlese wird deutlich dass im Hause Ornellaia ohne jeden Kompromiss auf maximale Qualität gezielt wird. Die Trauben werden nicht etwa in einem Rutsch abgeerntet, sondern über mehrere Wochen in vielen Durchgängen immer nur die Trauben eingeholt, die den perfekten Reifegrad erreicht haben. Jeder der vier Grundweine wird zunächst separat verarbeitet und einem maßgeschneiderten Vinifizierungsprozess unterzogen. Ornellaia geht sogar so weit, dass aus der gleichen Traube unterschiedliche Grundweine mit abweichenden Gärtemperaturen und Mazerationszeiten erstellt werden. So entstehen bis zu 65 verschiedene Grundweine aus denen der Kellermeister seinen Cuvée orchestrieren kann. Es folgen 18 Monate im Holz und weitere 12 Monaten in der Flasche. Viele Aufwand für einen Wein, der aber offensichtlich notwendig ist um diese beeindruckende Qualität zu erreichen.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Tiefdunkles Rubinrot, im Innern fast schwarz. Betörende Nase mit Noten von Cassis, Brombeeren, leichter Anklang von frischem Gummi. Am Gaumen dicht und fleischig mit Aromen von Leder, Graphit, Schokolade und reifen Pflaumen. Seidige Tannine - der Merlot-Trick hat ganz offensichtlich funktioniert. Ein durch und durch perfekt ausbalancierter Wein.

Dazu gab’s ein Entrecote von Hinterwäldler Weiderind am Stück perfekt auf den Punkt gegart. Eine perfekte Kombination die dem Wein nochmal mehr die Möglichkeit gibt zu zeigen was in ihm steckt.

Tenuta dell'Ornellaia Ornellaia Bolgheri Rosso Superiore DOC 2008
Toskana, Italien
ca. € 160,00